Neue Regeln für das Handgepäck im Flugzeug
Handgepäck - Flug mit Tüte (Von Andreas Spaeth)
06. November 2006
Sie heißen „Zipper“ oder „Debasafe“, kosten nur wenige Cent, bestehen aus transparentem Plastik und sind ab morgen eine essentielle Voraussetzung für die reibungslose Abwicklung des Flugverkehrs. Alles dreht sich auf den Flughäfen in diesen Tagen um Klarsichtbeutel aus Plastik - die Passagiere müssen lernen die Behältnisse vorschriftsmäßig einzusetzen und die Duty-Free-Verkäufer müssen vor allem genügend der knappen Ressource parat halten.
Denn ab morgen treten sowohl in der EU als auch in den Vereinigten Staaten neue, verschärfte Regeln für das Mitführen von Flüssigkeiten im Handgepäck in Kraft. Auslöser der Neuregelung waren die in Großbritannien am 10. August vereitelten Terroranschläge auf Verkehrsflugzeuge mit Flüssigsprengstoff. Nachdem bisher höchst unterschiedliche Regelungen herrschten - in Großbritannien war beinahe jegliche Flüssigkeit im Handgepäck verboten - gibt es jetzt endlich einheitliche Vorgaben. Und die basieren alle auf dem Einsatz von transparenten Plastiktüten.
In diese müssen jetzt so gut wie alle in die Flugzeugkabine gelassenen Flüssigkeiten verpackt werden. Die entscheidende Frage nach den Vorfällen des Sommers galt dem Umgang mit flüssigen sowie gel- und pastenartigen Stoffen in der Kabine. Denn die Sicherheitstechnologie der Durchleuchtungsgeräte an den Flughäfen erlaubt es bis heute nicht, Flüssigsprengstoffe zweifelsfrei zu identifizieren. Nach den Londoner Anschlägen stellte das amerikanische FBI durch Versuche fest, welche Mengen an explosiven Flüssigkeiten nötig sind, um ein Flugzeug ernsthaft in Gefahr zu bringen. Das Ergebnis zeigt sich nun in den neuen Bestimmungen:
- Es sind nur noch Gefäße von maximal 100 Milliliter Fassungsvermögen erlaubt. Egal ob Shampoo, Energiedrink oder After Shave - es dürfen nur so viele Behälter mitgeführt werden wie in einen durchsichtigen, wiederverschließbaren Ein-Liter-Plastikbeutel passen, wie sie etwa zum Einfrieren von Lebensmitteln verwendet werden.
- Den Beutel sollen die Passagiere selbst mitbringen - auch wenn sie anfangs an manchen Flughäfen auch gratis verteilt werden.
-Gemeinsam mit Metallgegenständen oder Laptops müssen die Beutel an den Kontrollstellen einzeln vorgezeigt werden.
- Ausnahmen gibt es nur für an Bord benötigte Babynahrung oder Medikamente.
- Nicht mehr erlaubt ist das Mitbringen der - gerade für lange Flüge - wichtigen eigenen Wasserflasche.
- Im Detail finden sich merkwürdige Unterscheidungen: ein festerer Lippenstift darf normal ins Handgepäck, ein weicherer Lippgloss dagegen fällt unter die „Flüssigkeiten“ und muß im Plastikbeutel vorgeführt werden.
Jede Menge Potential für Verwirrung also. „Wir erwarten am Anfang einen Mehraufwand an Kontrollen und Aufklärung bei den Passagiere, daher empfehlen wir, in den kommenden Tagen spätestens 90 Minuten vor Abflug beim Sicherheitscheck zu sein“, so ein Sprecher der Bundespolizei.
Eine andere Art von Plastik-Taschen dagegen sichert die Zukunft der Duty-Free-Branche und damit gleichzeitig günstige Flugpreise für die Passagiere. Denn weltweit werden jährlich rund 27 Milliarden Euro in diesem Geschäftszweig umgesetzt, in Deutschland allein sind es über zwei Milliarden Euro. Diese florierenden Geschäfte halten die Ticketpreise am Boden, denn viele Flughäfen erzielen bis zu 30 Prozent ihrer Einnahmen durch Konzessionen des Einzelhandels in den Terminals und können so die eigentlichen Landeentgelte für die Fluggesellschaften niedriger ansetzen.
Diese bewährte Symbiose ist jetzt gesichert - dank „Debasafe“. So heißt die große transparente Tragetüte mit dem eingearbeiteten blauen Klebestreifen, mit dem sich die Öffnung fest versiegeln läßt. „Die Tüten zum Stückpreis von 25 Cent stammen aus dem Geldtransport-Gewerbe“, erklärt Kay Spanger, Geschäftsführer von Gebrüder Heinemann, einem der weltgrößten Duty-Free-Betreiber. „Wir konnten uns für die erste Woche gerade 200.000 davon sichern, dann kommen nochmal 300.000 und in den nächsten vier Wochen eine weitere Million“. Die pünktlichen Lieferungen sind für Gebrüder Heinemann mit 220 Flughafen-Shops in ganz Europa wie eine Versicherungspolice - denn von solchen Tüten hängt das Fortbestehen des Geschäfts der Branche jetzt entscheidend ab. Die neuen EU-Richtlinien geben den Passagieren, den potentiellen Käufern also, nach Passieren der Sicherheitskontrollen nämlich wieder weitgehende Freiheiten. Jeder darf im direkten Abflugbereich alles kaufen und mit an Bord nehmen. Diese Waren gelten als sicher, da sie zuvor besonders streng durchleuchtet wurden.
Alle zollfreien Flüssigkeiten wie Parfum oder Spirituosen, die 70 Prozent des Duty-Free-Verkaufs ausmachen, werden in durchsichtigen Plastiktüten versiegelt, der innen deutlich sichtbar angebrachte Kassenbon dokumentiert eindeutig die Herkunft. „Eine solche verschweißte Tüte wird in der EU und weltweit als sicher akzeptiert“, erklärt Kay Spanger. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Bei Umsteigepassagieren oder jenen, die am gleichen Tag wieder zurückfliegen, ermöglicht die ungeöffnete Versiegelung, die Ware beim Rückflug auch durch die Sicherheitskontrolle mitzunehmen - zusätzlich zu den erlaubten anderen Flüssigkeiten im Klarsichtbeutel. Und wer sich vor Abflug künftig etwa mit einer Wasserflasche ausrüsten will, muß wohl oder übel auf die teuren Angebote der Flughafengastronomie im Sicherheitsbereich zurückgreifen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5. November 2006
Bildmaterial: ddp, dpa



